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Alt 04.08.2018, 16:45   #623   nach oben
Engineer
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Update- Ligier JS39 / Rennsaison 1993


SPARK-Modell / Ligier JS 39 / Martin Brundle / GP Südafrika 1993


Der französische Traditions-Rennstall Equipe Ligier Sports tritt zu Saisonbeginn 1993 unter neuem Management an:
Firmengrüner Guy Ligier veräußert einen geheim gehaltenen Prozentsatz der Besitzanteile
an den steinreichen französischen Geschäftsmann Cyril de Rouvre.

Eine schalen Beigeschmack hat der Deal allerdings, denn de Rouvre hat von 1989 bis 1991 schon den AGS-Rennstall besessen
und dort einen hohen Schuldenberg hinterlassen.
Als es für AGS Anfang 1992 nicht genügend Sponsoren gibt und der Rennstall in eine schwere finanzielle Krise gerät,
ist Teamchef Cyril de Rouvre nicht bereit, den Rennstall mit eigenem Geld am Leben zu halten.
Kurzerhand zieht er sich vom operativen Geschäft zurück und überlässt das Team sich selbst....

In Magny Cours wird unter Leitung von Gérard Ducarouge der neue Ligier JS 39 konstruiert und gebaut,
welcher vom allseits begehrten Renault RS5-Motor angetrieben wird.
Der Zehnzylinder-V-Motor hat eine Leistung von 760 PS und wird 1993 auch vom Williams-Team verwendet.
Ligier verzichtet auf eine Eigenentwicklung eines halbautomatischen Getriebes und legt alle Pläne eines aktiven Fahrwerks "auf Eis",
da 1994 diese Technik sowieso verboten wird...
Stattdessen wird die von Williams in Zusammenarbeit mit X-Trac entwickelte halbautomatische 6-Gang-Getriebeeinheit
eingekauft und im neuen Wagen verbaut.





Obwohl bedeutende französische Investoren wie der Tabakgigant GITANES oder das Lottounternehmen
FRENCH LOTO viel Geld investieren, sitzt 1993 kein französischer Pilot im JS39.

Cyril de Rouvre setzt sich trotz des massiven Drucks der französischen Öffentlichkeit nach wenigstens einem nationalen Fahrer durch
und verpflichtet stattdessen zwei Briten:
Martin Brundle und Mark Blundell nehmen in den Cockpits der beiden blau-weißen Renner Platz.
Brundle ist schon seit fast zehn Jahren im F1-Zirkus dabei und Ligier ist sein sechstes Team seit seinem Debüt 1984-
1992 ist er bei Benetton am Anfang der Saison fast moralisch an Michael Schumacher zerbrochen,
konnte aber in der zweiten Halbzeit kontinuierlich Punkte für das Briatore-Team einfahren.
Mark Blundell bestreitet erst seine zweite Saison - nach einem erfolglosen Debüt 1991 im Brabham
und einer anschließenden F1-Pause unterschreibt der 27jährige Engländer für die Rennsaison 1993 bei Ligier.

Zum Saisonauftakt 1993 in Kyalami steht Mark Blundell in der vierten Startreihe und
Teamkollege Brundle vier Positionen weiter hinten im Feld.
Newcomer Blundell fährt in Südafrika überraschenderweise einen dritten Platz für die "Blau-Weißen" ein -
allerdings erreichen bei diesem Grand Prix aufgrund diverser Un-und Ausfälle nur sieben von 26 Fahrzeugen die Ziellinie.
Ligier-Mitstreiter Martin Brundle segelt noch kurz vor Rennende aufgrund eines plötzlich einsetzenden Wolkenbruchs von der Bahn
und muss sein Arbeitsgerät in der 58. von 72 Runden abstellen...






Beim anschließenden Rennen in Brasilien eliminiert sich Martin Brundle schon in der ersten Runde:
noch bevor das Fahrerfeld wieder bei Start-und-Ziel auftaucht,
kollidiert er mit dem Minardi von Fabrizio Barbazza.
Glaubt man den Aussagen der Piloten, sind beide natürlich unschuldig.
Der Brite gibt an, von dem Italiener angerempelt worden zu sein und der Minardi-Pilot beteuert, der Ligier habe sich schon vor ihm gedreht....

Mark Blundell dagegen fährt die nächsten beiden Zähler in Interlagos ein -
zwar ist er fast eine Minute zeitlich gegenüber dem Sieger Ayrton Senna zurück,
erreicht aber hinter Johnny Herbert einen beachtlichen fünften Platz.
Das Glück wendet sich aber zum Auftakt der Europa-Tournee im englischen Donigton:
beide Ligier erreichen beim "Großen Preis von Europa" nicht das Ziel und werden bei wolkenbruchartigen Regenfällen von der Piste gespült.....



Mein Original-Autogramm von Martin Brundle

Vierzehn Tage später in San Marino starten beide Ligier-Piloten wieder auch ihren "gewohnten" Startreihen:
Blundell auf Platz 7 in Reihe 4 und Brundle ist Zehnter im Feld.
Am Ende des Rennens steht diesmal Martin Brundle "auf dem Treppchen" -
nach einem Grand Prix voller Überraschungen und 16 Ausfällen erreicht er Platz 3 und fährt somit 4 wertvolle WM-Zähler ein.
Blundell's Ligier dagegen fliegt schon in Runde 1 von der Bahn und schlägt recht unsanft gegen die Streckenbegrenzung !
O-Ton von Mark:
"Vielleicht verlor ich im Windschatten von Alesi's Ferrari zu viel Abtrieb,
vielleicht aber stieß mich auch irgend jemand von hinten..."


https://www.youtube.com/watch?v=0pZrdJOx7w8

Bei den nächsten Rennen bleibt alles "beim Alten".. mal erreicht Blundell das Ziel und Brundle fällt aus -
dann kommt es 14 Tage später wieder umgekehrt.
Mark Blundell kann letztmalig in Hockenheim mit einen dritten Platz WM-Punkte holen
und erreicht somit am Saisonende zehn Zähler und Platz 10 der Endwertung.
Martin Brundle fährt bis zum Finale in Australien ziemlich regelmäßig fünfte und sechste Plätze ein -
ein siebter Platz und 13 Punkte in der Endwertung kommen bis zum November 1993 zusammen.








SPARK-Modell / Ligier JS39 / Martin Brundle / GP Australien 1993


Martin Brundle absolviert am Ende der Saison und kurz vor dem Abflug
zum Grand Prix von Japan noch Ligier-Testfahrten in Magny-Cours.
Alle Beteiligten erleben dann eine böse Überraschung,
als am Ende der Zielgeraden plötzlich in voller Fahrt die vordere linke Radaufhängung am Wagen bricht !
Während Brundle mit Rippenprellungen und Muskelzerrungen von der Bahn kreiselt,
schlägt ein loses Vorderrad wie eine Rakete in die - zum Glück unbesetzte - Haupttribüne ein !
Wäre das während eines Rennes passiert...unvorstellbar !

Martin Brundle fliegt leicht angeschlagen mit bandagierter Brust und einen optisch "getunten"
Dienstwagen zu den letzten beiden Einsätzen der F1-Saison:
der italienische Comic-Autor Hugo Pratt liefert die blau-weiße Vorlage für die neue Lackierung.

Der Brite ist in Suzuka und Adelaide mit dem Spezialdesign des Zigarettenherstellers GITANES unterwegs,
welches vom erwähnten Hugo Pratt entworfen wurde.
Teamkollege Mark Blundell fährt hingegen das übliche Ligier-Blau herum.



Die Farben Weiß, Schwarz und die beiden Blautöne sind charakteristisch für den französischen Glimmstengel-Hersteller -
das Logo von GITANES kann auf dem Wagen nur in einem (beabsichtigten) bestimmten Blickwinkel wahrgenommen werden.

Obwohl Brundle in Australien nur einen mageren sechsten Platz einfährt,
wird das werbetechnische "Kampfziel" von Ligier und Gitanes erreicht:
der Wagen wird nach dem Rennen in allen führenden Motorsport-Magazinen zu sehen sein...



Mittlerweile lässt es sich nicht mehr geheim halten,
dass Teambesitzer Cyril de Rouvre aufgrund seiner zweifelhaften Geschäfte mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist.
Viele AGS-Zulieferer warten darauf, dass ihre Rechnungen beglichen werden...
Am Ende der Saison steht Ligier dann schließlich wieder einmal auf der "Einkaufsliste" eines bekannten Konkurrenz-Teams.

1992 hat sich Ron Dennis vom Mc Laren-Team für die Übernahme interessiert; jetzt bemüht sich Flavio Briatore.
Natürlich geht es auch bei Benetton um die begehrten Renault-Motoren,
aber schließlich zerschlägt sich auch dieses Geschäft, weil sich die Parteien nicht auf einen Kaufpreis einigen können...
Nahezu "herrenlos" geht das Team aus Magny-Cours in die neue Saison,
denn nachdem auch die Steuerfahndung Interesse am (noch amtierenden) Teamchef de Rouvre zeigt,
wird dieser von der Ligier-Belegschaft abgelehnt.

Im Mai 1994 wird dann doch der lange angekündigte Besitzerwechsel amtlich.
Flavio Briatore und die Benetton Group übernehmen Ligier -
FOCA-Chef und FIA-Vize Bernie Ecclestone streckt kurzerhand den nicht unbeträchtlichen Kaufpreis aus eigenem Portemonnaie vor,
weil er einen weiteren Schwund in den Reihen seiner "Zirkus-Mitglieder" verhindern möchte...

Geändert von Engineer (09.08.2018 um 21:48 Uhr)
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